4 Pfoten auf neuen Wegen

Einem Hund aus dem Tierschutz ein Zuhause geben

von Esther Hufschmid

Du hast dich entschieden, einem Hund aus dem Tierschutz ein neues Zuhause zu geben. Eine wunderbare Entscheidung! Dieser Artikel soll dir ein paar Hinweise geben, damit die ersten Grundsteine für ein entspanntes Zusammenleben erfolgreich gelegt werden und dein Pfotenkind gut in seiner neuen Familie ankommen kann.

Hunde aus dem Tierschutz reisen mit Gepäck

 

Hunde aus dem Tierschutz bringen ihre ganz eigene Geschichte und Persönlichkeit mit – manche Hunde begegnen der Welt voller Neugier, andere eher vorsichtig und zurückhaltend.  Ob winzig oder stattlich, jung oder betagt, topfit oder mit besonderen Bedürfnissen – die Vielfalt der Hunde im Tierschutz ist gross

 

Die Erfahrungen reisen mit

 

Im Gepäck von Tierschutzseelen befinden sich viele prägende Erlebnisse wie Erfahrungen mit anderen Menschen, in anderen Umgebungen. Dazu können beispielsweise emotionale Erinnerungen gehören an

  • das Leben auf der Strasse oder beim Jäger
  • die Situation beim Einfangen
  • Tierarztbesuche und Kastration
  • Sammelstellen und Tierheime
  • Transporte
  • Pflegestellen und Zwischenstationen

Die Reise in ein neues Leben bedeutet für den Hund immer auch den totalen Verlust aller bisherigen sozialen Beziehungen - an Menschen, an andere Hunde und auch die Gewöhnung an Örtlichkeiten geht verloren.

 

Der Hund kommt jetzt zu fremden Menschen, manchmal in andere klimatische Verhältnisse mit ungewohnten Aktivitätszeiten. Und auch wenn er aus der «Hölle» kommt – diese war ihm vertraut. Hier im neuen Leben ist alles neu und alles anders! Das kann ein enormer Stressor sein!

 

Das Wichtigste für den Start: Zeit und Geduld!


Alle, die selbst in ihrem Leben schon grössere Veränderungen erlebt haben, wissen: Grosse Veränderungen verarbeiten auch wir Menschen nicht im Zeitraffer – Hunden geht es genauso. Dein Hund braucht also vor allem Zeit! Zeit, um anzukommen, Vertrauen aufzubauen, sich sicher zu fühlen und seine neue Welt zu verstehen.

Pinù, wurde von mir adoptiert, als sie ca. 9 Jahre alt war. Sie hat 2025, nach 3 Jahren im neuen Leben, den Kampf gegen den Krebs verloren.
Pinù, wurde von mir adoptiert, als sie ca. 9 Jahre alt war. Sie hat 2025, nach 3 Jahren im neuen Leben, den Kampf gegen den Krebs verloren.

Der Umzug ins neue Zuhause bedeutet für den Hund eine Flut an Sinneseindrücken: neue Räume, neue Gerüche, neue Geräusche, neue Menschen, eventuell weitere Tiere in der Familie. Oft wird unterschätzt, wie intensiv das für den Hund ist. Er kann deshalb in den ersten Tagen und Wochen schneller überfordert und gestresst reagieren. Das neue Familienmitglied braucht deshalb in der ersten Zeit besonders viel Ruhe und Erholung. 

 

Ein Wort noch zur Stubenreinheit eines Hundes aus dem Tierschutz:

Manche Hunde sind anfangs draussen so eingeschüchtert, dass sie sich nicht sofort (überall) lösen können. Nicht selten pinkeln Hunde in den ersten Tagen daher auch in die Wohnung, weil sie nur dort entspannt genug sind. Mit Protest- oder Dominanzverhalten hat das absolut nichts zu tun!

Was helfen kann: Lege die Versäuberungsrunde auf möglichst reizarme, wohnortnahe Strecken, und geh eher zu Zeiten hinaus, in denen wenig los ist. Führe den Hund ausserdem immer wieder zu den Stellen in der nahen, unmittelbaren Umgebung des Hauses, an denen er sich bereits einmal lösen konnte. Ist ein Garten vorhanden, ist das natürlich die ideale Lösung.

Zur Not kannst du im Haus an einer bestimmten Stelle – z. B. im Bad – Inkontinenzunterlagen auslegen, auf denen sich der Hund  zunächst versäubern darf. In der Regel gelingt es zügig, dem Hund zu vermitteln, dass draussen der richtige Ort für die Versäuberung ist.


Nayeli kommt aus dem spanischen Tierschutz. Sie kam 2015 ca. einjährig zu mir und hat sich zu einem tollen Fellkind entwickelt.
Nayeli kommt aus dem spanischen Tierschutz. Sie kam 2015 ca. einjährig zu mir und hat sich zu einem tollen Fellkind entwickelt.

Die Erfahrungen im Reisegepäck

 

Erfahrungen spielen eine zentrale Rolle in der Verhaltensentwicklung – nicht nur bei Hunden aus dem Tierschutz oder Hunden aus 2. Hand – sondern bei allen Säugetieren. Je älter ein Hund ist oder je häufiger er sein Umfeld wechseln musste, desto mehr Erfahrungen bringt er natürlich mit. Wichtig ist - diese Vergangenheit können wir nicht ändern! Es macht also wenig Sinn, lange nach der Geschichte des Hundes zu forschen.

 

Was wir aber tun können:

Wir können ab dem ersten Tag dafür sorgen, dass der Hund von jetzt an viele positive, neue Lernerfahrungen machen kann. Wir können das Lernklima bestimmen. Ein Umfeld, in dem der Hund sein Verhalten an die neuen und veränderten Lebensbedingungen durch Lernen anpassen kann. Ein Lernklima, in dem er lernen kann, welche Verhalten erwünscht sind und ihm Erfolg bringen. Das ist unsere Chance und unsere Verantwortung für einen guten Start.

Türöffner in die Kommunikation

 

Der Name des Hundes ist ein Türöffner für Kommunikation. Er signalisiert: „Jetzt bist du gemeint.“ Wir lenken damit die Aufmerksamkeit des Hundes aus der Hundewelt in die Menschenwelt.

Der bisherige Name des Hundes ist emotional mit früheren Erfahrungen verknüpft. Und diese kennen wir nicht. Damit wir keine gefühlsmässigen Altlasten mittragen ist es sinnvoll, dem Hund zu Beginn einen neuen Namen zu geben. Das kann einen unbelasteten Neustart erleichtern. Am einfachsten geht das, indem du ein paar Mal über den Tag verteilt seinen neuen Namen freundlich aussprichst und etwas Gutes, etwas Tolles folgen lässt. Du wirst sehen, der Hund kommt zügig in eine erwartungsvoll-freudige Stimmung, sobald er seinen Namen hört.

Dabei gehst du folgendermassen vor:

Der Hund ist in deiner Nähe – du sagst seinen Namen – du wartest 1 Sekunde – dann lässt etwas Tolles folgen: ein Bröckchen Futter, ein kurzes Spiel, er bekommt sein Plüschi zum Tragen oder oder oder...


Integration in Kreisen

Ankommen, Lernen und Wachsen Schritt für Schritt

Denken und Leben in drei Kreisen bedeutet, dem Hund klar strukturierte Erfahrungsräume anzubieten, die ihm genügend Zeit und passende Gelegenheiten zur Anpassung an sein neues Leben in seinem individuellen Tempo ermöglichen. Jeder Kreis beschreibt dabei einen erweiterten Lern- und Lebensbereich, der erst dann vergrössert wird, wenn Sicherheit, Orientierung und Stabilität gewachsen sind. So entsteht Entwicklung nicht durch Druck, sondern durch für den Hund nachvollziehbare Schritte und verlässliche Rahmenbedingungen.

Kreis 1 - das Zuhause als sicherer Hafen

 

Das Zuhause bildet in der Anfangsphase den wichtigsten Ruhepol. Ein verlässlicher Rückzugsort ist eine wichtige Unterstützung für den Hund, damit er jede Form der Umwelterkundung besser verarbeiten kann.

Im Kreis 1 lernt er seine Bezugsperson(en) als verlässliche Partner:innen kennen und erlebt das häusliche Umfeld als sichere Basis, von der aus er die Welt schrittweise entdecken kann. Dabei stehen Stabilität, Vorhersehbarkeit und stressarme Gewöhnung im Mittelpunkt.

 

Das bedeutet konkret:
• Er lernt seine neue Familie und seine Bezugsperson(en) kennen
• Er kann sich an wiederkehrenden Alltagsabläufen orientieren
• Er entwickelt Sicherheit und Vertrauen

 

Eine regelmässige Tagesstruktur unterstützt diesen Prozess erheblich.

Zum Beispiel: Aufstehen → kurze Versäuberung → Fütterung → ruhige Beschäftigung → Ruhephase → usw.
Je klarer, je ruhiger und verlässlicher der Alltag gestaltet ist, desto leichter fällt dem Hund die Orientierung. Und Orientierung schafft Sicherheit – eine zentrale Grundlage für weiteres Lernen und Ankommen.

 

Im Kreis 1 beginnt auch der Bindungsaufbau zum neuen Familienmitglied. Eine Basis für eine stabile Beziehung ist gemeinsame Wohlfühl-Zeit: ruhige, positive Erlebnisse, die Sicherheit und Verlässlichkeit vermitteln. Durch passende Aktivitäten wie Spielen, entspanntes Beisammensein oder Training via positiver Verstärkung lernt der Hund, dich als zuverlässige Bezugsperson wahrzunehmen und Schritt für Schritt Vertrauen aufzubauen.

 

Beobachte deinen Hund bei gemeinsamen Aktivitäten aufmerksam: Sucht er Nähe, möchte er kuscheln oder liegt er lieber ruhig in deiner Nähe und hält lockeren Körperkontakt? Entscheidend ist, dass er sich bei dir sicher fühlt und nicht zu Nähe gezwungen oder „zwangs-gestreichelt“ wird. Manche Hunde möchten anfangs wenig oder keinen Körperkontakt – das ist völlig in Ordnung. Mit wachsender Vertrautheit und Sicherheit entwickelt sich Nähe oft ganz von selbst.

 

Hilfreich ist es, wenn du Berührungen ganz grundsätzlich ankündest. Du sagst deinem Hund, was du gleich tun wirst - zB. streicheln, Geschirr anziehen, bürsten...

Dadurch wirst du berechenbar und dein Hund erschreckt sich nicht, weil er plötzlich berührt oder ihm etwas übergezogen wird.

 

Zu einer stabilen Bindung gehört natürlich ein fairer, gewaltfreier Umgang. Vermeide Strafen für unerwünschtes Verhalten – sie verunsichern und belasten die Beziehung. Zeigt dein Hund ein Verhalten, das nicht zur Situation passt, orientiere ihn ruhig um oder führe ihn freundlich aus der Situation. Achte dabei stets auf Körpersprache und Stresssignale: Dein Hund braucht Unterstützung und Anleitung, keine strafende Korrektur.

 

Kreis 2 - die nahe Umgebung erkunden

 

Nun beginnst du mit kurzen, möglichst reizarmen Spaziergängen in der direkten Umgebung eures Zuhauses. Für deinen Hund ist bereits dieses nahe Umfeld neu und voller unbekannter Eindrücke – Geräusche, Gerüche und Bewegungen müssen erst verarbeitet werden. Deshalb kann er schon nach kurzen Strecken erschöpft sein, denn die Verarbeitung der vielen Sinnesreize ist anstrengend und fordert Konzentration.

Viele Hunde aus dem Tierschutz sind es zudem nicht gewohnt, täglich lange ausgeführt zu werden. Aufgrund der früheren Unterbringung in Zwingern oder begrenzten Ausläufen sind sie oft wenig bemuskelt und haben keine gute Kondition. Plane die Gassirunden daher in den ersten Tagen bewusst kurz und ruhig und passe Dauer sowie Tempo an die individuellen Bedürfnisse deines Hundes an.

Sicherheit und entspannte Lernerfahrungen sind wichtiger als Strecke zu machen Spazieren-Stehen bringt mehr Erfolg als Spazieren-Gehen.

Was gehört zum Spaziergang alles dazu?

 

Zu einem Spaziergang gehört mehr als nur das Unterwegs-sein draussen:  Es beginnt bereits damit, dass dem Hund das Geschirr angezogen wird, er wird angeleint und muss unter Umständen auch ins Auto einsteigen und mitfahren. Alles, was du von diesen Aktivitäten bereits in Kreis 1 in ruhiger Atmosphäre üben kannst, gibt deinem Hund zusätzliche Sicherheit und Orientierung, wenn ihr die nähere Umgebung erkundet. Je vertrauter die einzelnen Schritte sind, desto entspannter kann der Start nach draussen gelingen.

 

Überlege dir ausserdem, zu welchen Orten du deinen Hund regelmässig mitnehmen wirst. Kannst du ihn schrittweise und entspannt mit diesen Umgebungen vertraut machen? Prüfe dabei immer die tatsächliche Notwendigkeit. Wenn ihr oft mit dem Auto unterwegs seid, aber kaum öffentliche Verkehrsmittel nutzt, ist es nicht sinnvoll, deinem Hund bereits in Kreis 2 einen lauten, hektischen Bahnhof zuzumuten. Weniger, dafür aber das Lernfeld passend ausgewählt, - das bedeutet in dieser Phase mehr!

 

Safety first!

Bitte führ den Hund in den ersten Wochen/Monaten IMMER am Sicherheitsgeschirr oder doppelt gesichert am Brustgeschirr und Halsband! Wenn er sich über etwas erschrickt, kann es sehr schnell passieren, dass er sich aus seinem Halsband, dem Geschirr windet und in Panik davonrennt! Leider passiert das immer wieder und endet nicht selten mit tödlichem Ausgang für den Hund. 

Zusätzliche Sicherheit bietet ein am Geschirr befestigter GPS-Tracker, mit dem der Hund im Notfall schnell lokalisiert und gesichert werden kann.

 

Im 2. Kreis geht es also vor allem darum, dass dein Hund lernt, mit anspruchsvolleren, sprich leicht stressenden Situationen im vertrauten Umfeld immer besser umgehen zu können.

 

Kreis 3 - wir erweitern den Radius

 

Im Kreis 3 wird das Erkundungsfeld deines Hundes schrittweise vergrössert. Du beziehst nun auch die weitere Umgebung sowie neue, bislang unbekannte Orte mit ein. Wichtig ist dabei, dass dein Hund nicht einfach nur „mitläuft“, sondern echtes Erkundungsverhalten zeigen darf. Der Spaziergang soll Raum für seine natürlichen Bedürfnisse bieten – insbesondere für das ausgiebige Schnüffeln, Beobachten und Sich-orientieren.

 

Gib deinem Hund – wann immer es die Situation erlaubt – ausreichend Zeit, Gerüche aufzunehmen und Eindrücke zu verarbeiten. Innehalten, schauen, schnüffeln und sich dabei sicher fühlen - das schafft  Vertrauen.

 

Erweitere den Radius in kleinen, gut bewältigbaren Schritten und achte aufmerksam auf das Befinden deines Hundes. Wirkt er entspannt und neugierig, kannst du den Rahmen langsam vergrössern. Beobachte dabei seine Körpersprache, um mögliche Stressanzeichen frühzeitig zu erkennen und rechtzeitig reagieren zu können.

 


Zum Schluss noch ein Wort zum Training

 

Wie bereits eingangs erwähnt, hast du als neue Bezugsperson die Chance – und die Verantwortung –, das Lernklima für deinen Hund positiv zu gestalten. Eine der einfachsten und zugleich effizientesten Trainingstechniken, um erwünschtes Verhalten aufzubauen, ist das sogenannte Einfangen von Verhalten.

Das bedeutet: Immer dann, wenn dein Hund von sich aus ein Verhalten zeigt, das du dir wünschst, verstärkst du es unmittelbar. Zum Beispiel, wenn er dich anschaut, kurz stehen bleibt und ruhig die Umwelt beobachtet, auf dich zuläuft oder sich an dir orientiert. All diese kleinen, alltäglichen Momente sind wertvolle Trainingschancen.


Du quittierst dieses Verhalten mit dem, was dein Hund als angenehm empfindet:

  • freundliches Lob mit warmer Stimme

  • einem Lächeln

  • einem kleinen Futterbröckchen

  • wenn passend einer Streicheleinheit

  • oder ganz grundsätzlich mit dem, was dein Hund mag und was ihm Freude bereitet.

Das Einfangen von Verhalten hat zudem einen wunderbaren Nebeneffekt: Deine Aufmerksamkeit richtet sich automatisch auf die vielen kleinen Situationen, in denen dein Hund etwas gut oder sogar grossartig macht. Du wartest nicht darauf, dass er einen Fehler begeht, um ihn zu korrigieren – sondern du verstärkst aktiv das Gelungene

 

Wenn du dir Unterstützung wünschst, suche eine Hundeschule, die freundliches und gewaltfreies Training anbietet. Frage nach, wie trainiert wird und vor allem auch, wie interveniert wird, wenn ein Hund unerwünschtes Verhalten zeigt. Spricht die Fachperson von Training alternativer Verhaltensweisen, positiver Verstärkung oder Management ? Dann hört sich das schon mal gut an. Fallen aber Begriffe wie „korrigieren“,  „klarstellen“, „durchsetzen“ - dann sei auf der Hut. Frage nach, ob du eine Probelektion besuchen kannst und beobachte, wie mit den Hunden und Menschen umgegangen wird. Denn ein respektvoller, freundlicher Umgang mit dem Hund und seiner Bezugsperson bildet die Basis für nachhaltiges Lernen an beiden Enden der Leine und fördert eine vertrauensvolle Beziehung.

Fazit

Mit Geduld, klarer Struktur und einer guten Portion Verständnis kann sich dein Hund aus dem Tierschutz gut in sein neues Leben einfinden. Gib ihm Zeit und Sicherheit – dann wachsen Vertrauen und Bindung Schritt für Schritt.


 

 

Esther Hufschmid

Dipl. CumCane Hundetrainerin und Verhaltensberaterin ccf, Trainerin für Welpen-/Junghundebegleitung

 

Inhaberin und Ausbildungsleiterin cumcane familiari