Die Wirkung von Medical Training

Ängste reduzieren, prophylaktisch trainieren und positive Erwartungen schaffen

Von Claudi Scheiblich und Verena Beau

Pfoten anschauen, Krallen schneiden, Ohren kontrollieren, Augentropfen geben oder Blut abnehmen – früher oder später gehören pflegerische und medizinische Maßnahmen zum Leben eines jeden Hundes dazu. Während manche all das erstaunlich gelassen mitmachen, empfinden viele diese Situationen als unangenehm oder sogar beängstigend. Sie weichen aus oder ziehen sich zurück, andere frieren ein, versuchen zu flüchten oder verteidigen sich.

Mal Hand aufs Herz: Tatsächlich kennen wir Menschen ganz ähnliche Zustände. Manche haben regelrecht Panik vor einem Zahnarztbesuch, andere haben Angst vor Spritzen oder einer MRT-Untersuchung. Obwohl wir wissen, dass diese Untersuchungen wichtig sind und uns helfen sollen, fühlen sie sich für viele Menschen unangenehm oder beängstigend an.

 

Doch anders als wir Menschen verstehen Hunde nicht, warum eine Untersuchung oder Behandlung notwendig ist. Sie erleben zunächst nur, dass fremde Menschen sie anfassen, festhalten oder etwas Unangenehmes mit ihnen machen. Umso wichtiger ist es, ihnen Sicherheit, Vorhersagbarkeit und – wo immer möglich – Mitbestimmung zu geben.

 

Medical Training

kann dabei helfen, genau solche Situationen kleinschrittig vorzubereiten. Der Hund lernt, freiwillig an Pflegehandlungen und medizinischen Untersuchungen mitzuwirken. Er bekommt Vorhersagesicherheit und – wo immer möglich – Mitspracherecht.

Dabei ist es wichtig, dass wir lernen, unseren Hund besser zu lesen, feine Stresssignale wahrzunehmen und das Training an seine individuellen Bedürfnisse anzupassen.

Foto ©Verena Beau
Foto ©Verena Beau

Dazu gehört nicht nur das Training zu Hause. Ebenso hilfreich können sogenannte Happy Visits sein – Besuche in der Tierarztpraxis, bei denen es statt Spritzen und Untersuchungen Zeit gibt zum Schnüffeln, Leckerchensammeln, gestreichelt werden (wenn der Hund das mag), vielleicht für einen kleinen Trick, dass der Hund ggf. einmal auf den Behandlungstisch steigt und dass man anschließend wieder nach Hause fährt. Eigentlich ein ziemlich guter Deal. Später kann man dann vorbereitend auf Untersuchungen in der Tierarztpraxis trainieren.

 


Foto ©️Claudi Scheiblich
Foto ©️Claudi Scheiblich

Medical Training bedeutet allerdings nicht, dass jede Behandlung jederzeit freiwillig möglich ist. Besonders in Notfällen steht selbstverständlich die medizinische Versorgung an erster Stelle. Ist eine medizinisch notwendige Behandlung planbar, kann das Training unabhängig vom verbleibenden Zeitfenster gezielt auf den Termin vorbereiten. Sollte das Zeitfenster zu kurz sein, die Angst des Hundes zu groß oder das Training allein nicht ausreichen, kann die Behandlung in Absprache mit dem Tierarzt durch eine medikamentöse Unterstützung ergänzt werden.

 

Klar ist: Ein gut aufgebautes Training kann viele Situationen deutlich entspannter gestalten und sowohl Hund als auch Mensch mehr Sicherheit geben. Dass es nicht um Perfektion, sondern um spürbar mehr Lebensqualität geht, zeigen die folgenden Beispiele: Ein Prinzip, vier Hunde – mit unterschiedlichen Voraussetzungen, tierärztlichem Handlungsbedarf und individuellen Pflegeschwerpunkten.

Bobby

 

Bobby, der per se fremden Menschen gegenüber eher zurückhaltend war, war in der Tierarztpraxis von Beginn an nicht wirklich entspannt. Nachdem wir mehrere Tage hintereinander zu einer Behandlung mussten, wollte er nicht mehr ins Auto steigen …

 

Dank kleinschrittigen Trainings und einer Praxis, in der ich in der Mittagspause üben durfte, konnten wir uns Stück für Stück wieder an den Ort Tierarztpraxis herantasten. Eine Blutentnahme blieb allerdings bis zuletzt nur mithilfe von unterstützender Medikation möglich. Bei der Akupunktur haben uns besonders das Gucktarget, die Ausstiegsmöglichkeiten und die Ankündigungen geholfen. Impfungen konnten ebenfalls stressarm durchgeführt werden.

 

Auch zuhause half uns Medical Training: So konnten wir mithilfe von Konsensverhalten (der Hund zeigt, dass er noch einverstanden ist) die Krallen schleifen, Zecken ziehen, die Ohren untersuchen oder auch bürsten. Hier hat uns besonders das Gucktarget geholfen sowie die oben genannten Tools. 

Foto ©️Verena Beau
Foto ©️Verena Beau

Bobby ist ein gutes Beispiel dafür, dass Medical Training Ängste nicht einfach komplett verschwinden lässt. Es kann aber dazu beitragen, trotz dieser Ängste einen Weg zu finden, notwendige Behandlungen und Pflegemaßnahmen für alle Beteiligten angenehmer zu gestalten.


Timi

 

Timi konnte ich dank meines heutigen Wissens ganz anders auf Tierarztbesuche und Pflegemaßnahmen vorbereiten. Von Beginn an haben wir die Tierarztpraxis und die dort arbeitenden Menschen mithilfe gut geplanter, kleinschrittig aufgebauter Tierarztbesuche – wir nennen sie „Hallo-Termine“ – positiv verknüpft. Timi geht dadurch gerne in die Praxis und lässt sich dort auch gerne anfassen. Dabei kommt ihm zugute, dass er Menschen gegenüber tendenziell positiv eingestellt ist.

 

Der Impftermin war durch rechtzeitige Vorbereitung gut zu bewältigen – einer ungewollten Schmerzreaktion und einer dadurch bedingten leichten Angst beim nächsten „Hallo-Termin“ konnten wir auch mithilfe des positiven „Puffers“, den wir hatten, gut entgegenwirken.

Foto ©️Verena Beau
Foto ©️Verena Beau

Zu Hause lässt sich Timi heute gut die Pfoten anfassen, er lässt sich abtrocknen, Zecken entfernen, sich bürsten, die Ohren kontrollieren und auch die Augen saubermachen – als er zu uns kam, war an ein Berühren der Beine und der Pfoten nicht zu denken. Er zog sie weg und es deutete sich an, dass er schnappen würde, wenn ich seine Befindlichkeit übergehen würde. Auch das Augensäubern war negativ behaftet … Kleinschrittiges Training, Konsensverhalten, Ausstiegsmöglichkeiten, die behutsame Integration neuer Pflegeutensilien und das gute Beobachten seiner Körpersprache haben uns geholfen, bestehende Ängste zu reduzieren und neue bislang nicht entstehen zu lassen.

 

Buddy

 

Foto ©️Claudi Scheiblich
Foto ©️Claudi Scheiblich

Mit gerade einmal fünf Monaten musste Buddy für rund zehn Tage stationär in eine Tierklinik. Zunächst kämpfte er mit multiresistenten Keimen, anschließend infizierte er sich dort auch noch mit Lungenwürmern. Nach seiner Entlassung war die Behandlung noch lange nicht beendet. 

Zweimal pro Woche standen Brustkorbröntgen und Blutabnahmen an. Schon beim Betreten der Klinik begann Buddy zu zittern. Er wollte nicht mehr hinein, quietschte vor Angst und jeder Termin wurde für uns beide zu einer echten Herausforderung.

Nachdem er wieder gesund war, wechselten wir die Tierarztpraxis. Statt direkt wieder mit Untersuchungen zu starten, begannen wir mit Hallo-Terminen. Buddy durfte schnüffeln, Leckerchen sammeln, kleine Tricks zeigen, auf den Behandlungstisch steigen und wieder herunterhüpfen – und anschließend einfach wieder nach Hause fahren.

 

Parallel dazu trainierten wir zu Hause kleine Elemente des Medical Trainings. Besonders hilfreich war für uns ein Kinntarget. Buddy lernte, freiwillig eine Position einzunehmen und diese während einer Behandlung beizubehalten. Das gab ihm Vorhersagesicherheit und ein Stück Mitbestimmung. Und genau das hat unglaublich viel verändert.

 

Aus dem Hund, der die Praxis kaum noch betreten wollte, wurde irgendwann ein Hund, der voller Begeisterung hineinstürmte. Stand der Behandlungstisch noch nicht bereit, wurde versucht, heraufzuspringen. Man wollte ja schließlich schon anfangen. 🤣 Für ihn waren die Tierarztbesuche Geburtstag und Weihnachten in einem.


Mupf & Filly

 

Die beiden Windspiele stehen Tierarztbesuchen noch deutlich skeptischer gegenüber. Beide sind eher Team „Ich beobachte das erst einmal aus sicherer Entfernung.“ Durch den Verdacht auf eine mikrovaskuläre Dysplasie (MVD) der Leber haben sie leider schon in jungen Jahren viele Tierarztbesuche hinter sich. Blutentnahmen, Ultraschall, CT, Kontrollen … nicht gerade das, was man sich für seine Hunde wünscht.

Mit Filly & Mupf im Wartezimmer - ©️Claudi Scheiblich
Mit Filly & Mupf im Wartezimmer - ©️Claudi Scheiblich

Natürlich gehören auch bei ihnen Hallo-Termine und regelmäßiges Medical Training dazu. Dadurch gehen sie wieder freiwillig in die Praxis, sind aber noch lang nicht so unbeschwert, wie Buddy es war. Dennoch können auch sie schon wieder Futter annehmen, was für die beiden, die unter Stress als Erstes aufhören zu essen, ein sehr gutes Zeichen ist. Wir sind gespannt, wie es sich mit weiterem Training entwickelt.

 

Doch wie wir ja wissen, endet Medical Training nicht an der Tür der Tierarztpraxis. Auch der Alltag hält genügend kleine und größere Herausforderungen bereit: Der Overall muss angezogen werden, ein Hund muss hochgehoben werden, eine Zecke hat sich festgebissen oder eine Schramme muss versorgt werden. Vieles davon funktioniert heute ganz selbstverständlich im Einverständnis – besonders helfen uns dabei die Ankündigungen, die den Hund über meine nächsten Handlungen informieren, und ein genaues Beobachten der Körpersprache.

 

Diese unspektakulären Alltagssituationen zeigen immer wieder, dass die Tools aus dem Medical Training uns durch den gesamten Alltag begleiten.


Fazit

So unterschiedliche Voraussetzungen unsere Hunde hatten und so verschieden ihre Geschichten sind: Medical Training zeigt bei allen, dass kleinschrittiges Training mit Fokus auf Vorhersagesicherheit und Mitspracherecht entweder prophylaktisch sehr gut wirken kann oder bereits bestehende Ängste reduzieren kann. Bis zu welchem Grad mag individuell sein – doch es lohnt sich – und wir sind es unseren Tieren auch schuldig, bis zum allerletzten Tag dranzubleiben.


Verena Beau

Zert. CumCane©Trainerin, CumCane©Go-Sniff-Trainerin

 

Hundeschule beau chien - www.beau-chien.de

 

Claudi Scheiblich

Zert. Hundetrainerin cumcane familiari; Verhaltensberaterin CumCane; Trainerin für Nasenarbeit; Kursleiterin SVEB Zertifikat

Hundeschule DogSchoolBuddies